Silhouette von Schneewittchen und ihre sieben  Zwerge vor dem Lohrer Schloss.

Märchen und Realität

Ist Schneewittchen eine Lohrerin?

Im Jahr 1986 entdeckte der Lohrer Apotheker und Historiker Dr. Karlheinz Bartels bemerkenswerte Parallelen zwischen dem Märchen „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ und der Geschichte von Lohr am Main. Nach intensiven Recherchen entwickelte er daraus seine These: Falls Schneewittchen ein historisches Vorbild hatte, könnte es eine Lohrerin gewesen sein.

Seine Spurensuche bezeichnete Bartels augenzwinkernd als einen Beitrag „Zur Fabulologie des Spessarts“. Den Begriff „Fabulologie“ erfand er selbst – zusammengesetzt aus dem lateinischen fabula für Märchen und dem griechischen logos für Lehre oder Wissenschaft. Vielleicht, so die scherzhafte Interpretation, versteckt sich in der Wortmitte sogar ein kleines „lo“ für Lohr.

Mit der „Fabulologie“ schuf Bartels bewusst einen spielerischen Gegenentwurf zur klassischen Wissenschaft. Sie erlaubte ihm und seinen Mitfabulologen, historischen Spuren, regionalen Besonderheiten und märchenhaften Motiven zu folgen – auch dort, wo sich Zusammenhänge wissenschaftlich nicht eindeutig beweisen lassen. Genau mit diesem Bartels’schen Augenzwinkern sollte deshalb auch die Geschichte vom Lohrer Schneewittchen gelesen werden.

Nach seiner „fabulologischen Methode“ führt die Spur zu Maria Sophia Margaretha Catharina von Erthal, die 1725 im Lohrer Schloss geboren wurde. Bartels sah in ihr das mögliche historische Vorbild für Schneewittchen – und fand dafür eine ganze Reihe erstaunlicher Parallelen:

Historische Zeichnung im Profil zweier Männer mit lockigem Haar, im Stil eines Doppelporträts der Brüder Grimm

Die Brüder Grimm

"Märchen noch so wunderbar, Dichterkünste machen's wahr."

Die "Märchenbrüder" lebten lange Zeit in der Nähe von Hanau (ca. 50km Entfernung). Es besteht also durchaus die Möglichkeit, dass die beiden von den Begebenheiten in Lohr gehört hatten.

Die Familienkostellation

"So nahm sich der König eine andere Gemahlin, aber sie war stolz und übermütig und konnte Schneewittchen nicht leiden."

Maria Sophias Vater war der kurmainzische Oberamtsmann Philipp Christoph von Erthal. Dieser heiratete, nach dem frühen Tod seiner ersten Ehefrau ein zweites Mal. Die neue Frau soll herrschsüchtig gewesen sein und ihre Stellung zum Wohl ihrer Kinder aus erster Ehe ausgenutzt haben.

Maria Sophia von Erthal ist vor einem Stammbaum zu sehen, der ihre Eltern und Geschwistern abbildet. Beim Stammbaum handelt es sich um einen Baum, dessen Äste zu den Familienmitgliedern gehen. Die Familienmitglieder sind lediglich als Silhouetten dargestellt.
Die KI-Darstellung zeigt ein Portrait von Maria Sophia von Erthal mit einem Stammbaum, der ihre Eltern und Geschwister abbildet.KI-generiertes Bild
Ein Blick auf den Sprechenden Spiegel im Spessartmuseum. Es ist nur der obere Teil zu sehen, auf dem auch ein Spruch eingraviert ist.

Der Spiegel und der gläserne Sarg

"Die Stiefmutter hatte einen wunderbaren Spiegel, vor den sie trat und sich darin beschaute. Sie sprach: Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?"

In Lohr wurden früher Gläser und Spiegel hergestellt und in die ganze Welt verschifft. Diese große Spiegelmanufaktur war Eigentum von Philipp Christoph von Erthal, Vater von Schneewittchen. So ist auch heute im Spessartmuseum noch ein Spiegel mit Inschriften wie zum Beispiel "Armour Propre" (=Selbstliebe) ausgestellt.

Der wilde Wald

"So lauf hin, du armes Kind, sprach der Jäger, die wilden Tiere werden dich bald gefressen haben."

Räuber, Wegelagerer und wilde Tiere - der Spessart galt früher nahezu als Paradies für die gefährlichen Banden, bedingt durch die häufige politische Zersplitterung.

Dichter Laubwald mit hohen, schlanken Bäumen und frischem grünen Blattwerk
Blick auf die Silhouette mit Schneewittchen und ihren sieben Zwergen vor dem Schloss in Lohr am Main

Die sieben Zwerge hinter den sieben Bergen

"Sie lief und rannte über die sieben Berge, über spitze Steine und Dornen. Am Abend kam sie an ein kleines Häuslein, in dem alles klitzeklein und fein war."

Im Biebergrund, ein angrenzender Bezirk an den damaligen Herrschaftsbereich um Lohr, wurde früher Bergbau betrieben. In die Bergwerke hinab fahren mussten die Kinder oder die Kleinwüchsigen, bucklig von der schweren Arbeit im engen Stollen. Um zu diesen Bergwerken zu kommen, müssen sieben Berge überquert werden.Die Brüder Grimm

"Märchen noch so wunderbar, Dichterkünste machen's wahr."

Die "Märchenbrüder" lebten lange Zeit in der Nähe von Hanau (ca. 50km Entfernung). Es besteht also durchaus die Möglichkeit, dass die beiden von den Begebenheiten in Lohr gehört hatten.